Ein Waldspaziergang – oder vom Baden in der Waldluft

Wer im Sommer nach Abkühlung sucht, ist im Wald richtig. Die Bäume spenden Schatten und der unvergleichliche Geruch nach Holz, Moos und Erde wirkt beruhigend auf die Nerven. Ebenso die friedliche Stille, die höchstens hie und da von Vogelgezwitscher und Blätterrascheln begleitet wird. Bei Stress wirkt ein Spaziergang durch den Wald Wunder und hilft, den Kopf zu Lüften und klare Gedanken zu fassen.

 

Terpene: Chemische Stoffgemische mit grosser Wirkung

 

Die Anziehungskraft des Waldes auf uns Menschen war schon immer gross. Was wir wohl intuitiv längst wissen, wurde auch wissenschaftlich belegt: Der Wald hat einen positiven Einfluss auf unsere Gesundheit. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten Terpene. Diese chemischen Stoffgemische befinden sich in Wurzeln, Rinden, Blättern und Nadeln und dienen den Bäumen zur Kommunikation. Durch den Austausch von Terpenen kommunizieren die Bäume untereinander, um sich zum Beispiel gegenseitig vor Schädlingen zu warnen. Gemäss Studien wirken Terpene auch auf das menschliche Immunsystem. In Tests konnte eine deutliche Steigerung und Aktivität der Abwehrzellen nachgewiesen werden. Vielleicht hast du schon bemerkt, dass das Atmen im Wald leichter fällt? Das ist ebenfalls den Terpenen zuzuschreiben, denn diese wirken – ähnlich wie ätherische Öle, die ebenfalls Terpenverbindungen beinhalten – schleimlösend auf Lunge und Bronchien.

 

Gesundheitsvorsorge aus der Natur

 

In Japan schwört man schon länger auf die Heilkraft der Bäume, auf das sogenannte «Shinrin-Yoku», das so viel wie «Baden in der Waldluft» bedeutet. So gehören Waldspaziergänge in Japan seit Anfang der Achzigerjahre offiziell zur Gesundheitsvorsorge.

 

Auch in unseren Breitengraden ist man sich der heilsamen Wirkung des Waldes und seiner unzähligen Heil- und Kräuterpflanzen immer mehr bewusst. Wer aufmerksam durch den Wald läuft, findet Bärlauch, Brennessel, Beeren, Efeu, Farn, Storchenschnabel, Waldmeister, Wallwurz, Sauerklee, Günsel, Hagebutte, Wasserdost, Tollkirsche, Mädesüss, Holunder, Johanniskraut und Stechpalme – um nur ein paar zu nennen.

 

Einige unserer Favoriten stellen wir dir nachfolgend etwas genauer vor.

 

 

Wallwurz Symphytum officinale

 

Die uralte Heilpflanze Wallwurz (auch Beinwell genannt) findet sich bereits in den Schriften von Paracelsus und Hildegard von Bingen. Dort wurde sie unter dem Namen «Consolida» erwähnt, was soviel wie «Zusammenwachsen» bedeutet. Auch der heutige Name lässt auf die Wirkung schliessen. Das von Wallwurz abgeleitete altdeutsche Verb «wallen» bedeutet nämlich so viel wie «heilen» und «zusammenwachsen».

 

Wir empfehlen Wallwurzsalbe oder Gel bei Beschwerden rund um den Bewegungsapparat – etwa bei stumpfen Verletzungen wie Prellungen, Zerrungen und Verstauchungen. Aber auch bei Gelenkschmerzen, Rheuma und Arthrose. Auf die schmerzende Stelle aufgetragen, wirkt die Salbe abschwellend, entzündungshemmend und zellregenerierend. Die Wallwurz ist wissenschaftlich sehr fundiert untersucht worden. Studien zufolge ist der Hauptwirkstoff Allantonin mindestens so wirksam wie das im konventionellen Arzneimittel Voltaren enthaltene Diclofenac. Von einer innerlichen Anwendung wird abgeraten, da die Pflanze Stoffe besitzt, die leberschädigend sein können.

 

Die Wallwurz strahlt eine grosse Stärke und Vitalität aus, hat aber gleichzeitig etwas Schwermütiges und Dunkles an sich. Ihre glockenartigen Blüten strecken sich nicht dem Licht entgegen, sondern neigen nach unten. Durch ihre langen Wurzeln ist die Wallwurz stark mit der Erde verbunden. Angeschnittene Wurzeln wachsen im Boden wieder zusammen, was auf die zusammenfügende Kraft der Pflanze hinweist. Schneidet man sie ab, gibt sie eine zähe weissliche Substanz von sich, die als eine Art Stützgewebe oder Knochensubstanz der Pflanze bezeichnet werden kann. Die grossen behaarten Blätter weisen auf der Unterseite deutlich ausgebildete und stark verästelte Blattnerven auf. Dieses Nervengeflecht besitzt eine erstaunliche Ähnlichkeit zum Gewebe in menschlichen Knochen.

 

 

Schachtelhalm Equisetum arvense

 

Der Schachtelhalm ist ein lebendes Fossil. Seine Vorfahren bildeten vor 400 Millionen Jahren die ersten Wälder auf der Nordhalbkugel. Es verwundert deshalb nicht, dass seine Heilkraft bereits im Altertum bekannt war. Als Tee getrunken wirkt er harntreibend und wird deshalb gerne zur Entwässerung bei Harnwegserkrankungen eingesetzt.

 

Der Schachtelhalm verfügt ausserdem über einen hohen Gehalt an Kieselsäure (Silicea), die für den Aufbau von Knochen, Bindegewebe, Sehnen, Haut, Haaren, Knochen sowie Zähnen und Nägeln essentiell ist. Das ist auch seiner Signatur abzulesen: Der Schachtelhalm ist in seiner Form auf das Wesentliche beschränkt. Er sieht aus wie ein kleines Bäumchen mit klarer Struktur und Gliederung, das weder weiche Formen noch Blüten aufweist. Damit erinnert die skelettartige Erscheinung an die menschliche Wirbelsäule. Der Schachtelhalm ist nahezu geruchlos und geschmacksneutral. Kaut man ihn roh, knirscht es hörbar zwischen den Zähnen. Das ist auf den hohen Gehalt an Kieselsäure zurückzuführen. Alles in allem zeigt uns der Schachtelhalm in Gestalt und Wesen, wo seine Kraft und Wirkung liegt: Er verkörpert die Formbildung. Auf den menschlichen Körper bezogen sind das alle Teile, die unseren Körper strukturieren – insbesondere die Wirbelsäule und das Bindegewebe, welches die Organe, Gefässe und Muskeln zusammenhält und das Knochengewebe bildet.

 

 

Wurmfarn Dryopteris filix-mas

 

Der Farn mit seinen unverwechselbaren Blättern ist wohl einer der auffälligsten botanischen Bewohner des Waldes. Wie der Schachtelhalm ist auch der Farn ein lebendes Fossil, der in der Urzeit die Höhe von Bäumen erreichte.

 

Dass Farne keine Blüten haben und sich über Sporen vermehren, erschien den Menschen im Mittelalter ungewöhnlich und geheimnisvoll. Das führte wohl dazu, dass den Farnen magische Kräfte zugeschrieben wurden. So wurde das sogenannte Hexenkraut etwa in Kräutergärten gepflanzt, um Geister und Dämonen fernzuhalten. Farnbüschel über den Türen galten als Glücksbringer, um das Haus vor Blitz und Hagel zu schützen.

 

Der Farn, besonders der Wurmfarn, hat auch in der Pflanzenheilkunde einen Platz. Wie sein Name vermuten lässt, wird der Wurmfarn zur Bekämpfung von Würmern im Darm eingesetzt. Die Beziehung zum Darm lässt sich auch an der Signatur ablesen: Das fein gefächerte Blattwerk erinnert an den menschlichen Darm, genauer gesagt an die Darmzotten. Diese können durch Würmer befallen werden, so dass die Nährstoffaufnahme gestört wird. Es kommt zu Verdauungsbeschwerden bis hin zu Mangelerscheinungen. Da der Wurmfarn leicht giftig ist, sollte man zur innerlichen Anwendung auf Fertigpräparate (zum Beispiel von WALA) zurückgreifen und nicht selber experimentieren. Äusserlich kann der Farn unbedenklich eingesetzt werden, etwa als Tinktur zum Einreiben bei Gicht, Rheuma, Kopfschmerzen, Nervenschmerzen und Wadenkrämpfen. Unser Tipp: Farnblätter trocknen und in ein Kissen nähen. Sobald sich die ätherischen Öle entfalten, wirken sie beruhigend auf den Körper und können Krämpfe und Schmerzen lösen.

 

 

Walderdbeere Fragaria vesca

 

Die Walderbeere ist eine sehr alte Heilpflanze, die bereits im Mittelalter von der Mystikerin und Heilkundigen Hildegard von Bingen (1098 – 1179) erwähnt wurde. Die Frucht hat einen überdurchschnittlich hohen Gehalt an abwehrstärkendem Vitamin C, Eisen und Folsäure. Als Tee getrunken können die gerbstoffreichen Blätter Durchfall und chronische Verstopfung sowie Entzündungen von Zahnfleisch und Mundschleimhaut lindern. Dank seinem hohen Gehalt an Gerbstoffen ist Walderdbeerblättertee ein guter Ersatz für Schwarztee. An den Geschmack der Blätter muss man sich etwas gewöhnen. Sie haben einen säuerlichen, leicht grünteeartigen Geschmack. Die Blüten sind übrigens auch essbar. Unser Tipp: Erdbeerblüten mit Zuckerwasser besprühen, im Backofen bei tiefer Temperatur trocknen und als Süssigkeit geniessen.

 

 

Vitalpilze

 

Weder Pflanze noch Tier: Pilze sind wundersame Mischwesen des Waldes. Sie zersetzen organisches Material und leisten damit eine wichtige Aufräum- und Reinigungsarbeit, ohne die es den Wald in seiner Form nicht geben würde. Gemäss der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) haben gewisse Pilze gesundheitsfördernde Eigenschaften. Japanische Studien konnten bei mehr als 700 Pilzarten eine pharmakologische Wirkung nachweisen. So sollen sie etwa zur Stärkung der Abwehrkräfte, zur Blutdruck- und Zuckerregulierung, Leberstärkung und Entgiftung, zur Behandlung von Allergien, Reduzierung von Übergewicht und vor allem zur Verbesserung der Vitalität eingesetzt werden.

 

Vitalpilze gelten als Nahrungsergänzungsmittel und werden frisch, getrocknet, in Form von Pulver, Tabletten, Tropfen, Kapseln oder als Bestandteil von Kräutermischungen von Therapeuten und Ärzten der traditionellen chinesischen Medizin angeboten.

 

Mehr zum Thema findest du in unserem Artikel über Vitalpilze.

 

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